Was
ist Risikomanagement?
Risk
Management wurde in den sechziger Jahren als logische und
notwendige Ergänzung des Total Quality Management in
den USA und Japan entwickelt. Ausgangspunkt ist die Untersuchung
und Bewertung möglicher Gefahren für Personen,
Sachen oder Vermögen, mit der Zielsetzung durch geeignete
Maßnahmen die Struktur-, Prozeß- oder Ergebnisqualität
zu verbessern. Insbesondere von Banken und Versicherungen
wird Risk Management seit viele Jahren genutzt, um Finanzrisiken
zu beurteilen.
Risikomanagement
in der Medizinprodukte-Industrie
Medizinprodukte
werden im oder am Menschen - in den meisten Fällen
Erkrankte - angewendet oder betrieben. Bei diesen Produkten
ist ein besonders hohes Schutzniveau unbedingt erforderlich.
Zielsetzung der EG-Richtlinie über Medizinprodukte
ist deshalb der hochgradige Schutz der Gesundheit und des
Lebens von Menschen. Mögliche Risiken müssen verglichen
mit der nützlichen Wirkung so weit wie möglich
minimiert werden. Aus den in der Richtlinie definierten
Grundlegenden Anforderungen ergibt sich für jeden Hersteller
in Europa die Verpflichtung für Medizinprodukte Risikoanalysen
durchzuführen und Maßnahmen zur Risikobeherrschung
umzusetzen. Der Prozeß bestehend aus Risikoanalyse
und Risikobeherrschung wird als Risikomanagement bezeichnet.
Ausgangspunkt
des Risikomanagement-Prozesses ist der Risikomanagement-Plan,
in dem unter anderem die Zuständigkeiten und die Definition
der Verfahrensparameter festgelegt sind. Als interdisziplinäres
Instrument sollte Risikomanagement in jedem Fall von einem
Projekt-Team aus Mitgliedern verschiedener Fachabteilungen
durchgeführt werden. Die Quantifizierung der Risiken
erfolgt mit Hilfe der Portfolio-Technik, wobei die Bewertungsmatrix
durch die Achsen Schadensausmaß und Auftretenswahrscheinlichkeit
aufgespannt wird. Für den Bereich der Medizintechnik
entziehen sich diese beiden Parameter einer mathematisch
exakten Beschreibung. Es ist deshalb sinnvoll, mit relativen
Skalen zu arbeiten und die entsprechenden Kategorien durch
Kriterien und Beispiele zu konkretisieren. Die Bewertungsmatrix
wird entsprechend der Risikoakzeptanz in drei unterschiedliche
Regionen unterteilt:
- der
weitgehend akzeptable Bereich - Risiken in diesem Bereich
können verglichen mit der nützlichen Wirkung
des Medizinprodukts ohne weitere Maßnahmen akzeptiert
werden.
- der
sogenannte ALARP-Bereich (As Low As Reasonable Practicable)
- befinden sich Risiken in diesem Bereich, muß geprüft
werden, ob das Risiko bereits so weit wie vernünftigerweise
möglich minimiert ist; andernfalls müssen geeignete
Maßnahmen ergriffen werden.
- der
nicht akzeptable Bereich - hier sind auf jeden Fall weitere
Maßnahmen zur Risikominimierung erforderlich.
Die eigentliche
Risikoanalyse untersucht Gefährdungen für Menschen
und Sachen sowie deren Ursachen und bewertet diese an Hand
der festgelegten Parameter. Weitere Zielsetzung ist es, als
nicht akzeptable erkannte Risiken durch geeignete Maßnahmen
so weit wie sinnvoll möglich zu minimieren. Die Wirksamkeit
der getroffenen Lösungen läßt sich durch erneute
Risikobewertung nach Einführung von Maßnahmen nachweisen.
Risikomanagement
als Management-Instrument
Risikomanagement
ist ein unverzichtbarer Bestandteil, wenn es um die Sicherheit
von Medizinprodukten geht. Darüber hinaus ist Risikomanagement
als Management-Instrument ein wertvolles Werkzeug, um die
Produkt- und Prozeßqualität im Unternehmen zu
verbessern. Dazu muß Risikomanagement als kontinuierlicher
Prozeß verstanden werden. Durch die Einbindung in
die Prozesse Designlenkung und Marktbeobachtung können
Entwicklungskosten eingespart und Synergieeffekte optimal
genutzt werden. Die Portfolio-Technik zur Risikobewertung
ermöglicht das Erkennen der zulassungsrelevanten Risiken.
Die Entwicklung neuer und die Weiterentwicklung bestehender
Produkte kann auf diese Weise kostenminimal gesteuert werden.
Es ist möglich unterschiedliche Szenarien zu simulieren,
um die günstigste Problemlösung zu ermitteln.
Mit der Markteinführung neuer Produkte sollte der Risikomanagement-Prozeß
nicht beendet sein. Synergieeffekte ergeben sich aus der
konsequenten Einbindung in das Marktbeobachtungssystem des
Unternehmens. Meldung über eventuelle Risiken werden
so systematisch erfaßt, bewertet und wenn erforderlich
werden entsprechende Maßnahmen initiiert und bezüglich
ihrer Wirksamkeit bewertet.
Fazit
Nach
der gültigen Rechtslage in Europa sind Hersteller von
Medizinprodukten verpflichtet, für ihre Produkte eine
Risikoanalyse durchzuführen. Diese Verpflichtung kann
zum Vorteil des Unternehmens als Prozeß zur kontinuierlichen
Verbesserung der Produkt- und Prozeßqualität
und zur Einsparung von Entwicklungskosten genutzt werden.
Dazu müssen die Verfahren Designlenkung, Marktbeobachtung
und Risikomanagement optimal aufeinander abgestimmt werden.
(Veröffentlicht
in Management & Krankenhaus 9/98)